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Tierschutz im Süden III
Unsere Barcelonareise im November 2006
23.11., 5:00 Uhr morgens:
Wir starten Richtung Barcelona mit einem voll bepackten Transporter. Voll bepackt mit Sachspenden von lauter lieben Menschen, die auf diese Art und Weise mithelfen möchten. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an alle Menschen, die Sachspenden nach Spanien schickten und beim Sammeln und Beladen des Transporters geholfen haben!
21:30 Uhr:
Kommen wir in Spanien an und fallen ziemlich erledigt ins Bett. Schon bald klingelt aber das Telefon (unsere spanischen Tierschützerinnen haben einen völlig anderen Rhythmus ;-) ) und Antje Perlwitz, eine spanische Tierschützerin gibt uns telefonisch den Plan für die kommenden zwei Tage durch. Es ist ein straffes Programm, denn Hilfe wird immer gebraucht.
24.11., 9:00 Uhr:
Der Wecker klingelt, die Nacht war kurz und wir machen uns auf den Weg.
Lucas, ein spanischer Tierschützer holt uns ab und wir fahren auf das Gelände des Vereins „Tiere in Spanien e.V.“. Wir helfen die Gehege sauber zu machen und fotografieren einige Hunde.
Eine Hündin ist ganz neu da, sie kommt aus einer Tötungsstation, sie kann kaum laufen. Teilweise liegt es an dem vielen Filz, ihre Pfoten sehen zehnfach vergrößert aus durch die dicken Filzplatten. Wir versuchen zu Dritt das Schlimmste weg zuschneiden.
Während wir Gehege reinigen, schauen uns die Hunde interessiert zu. Eine Hündin würde gerne unsere Haargummis zum Spielen klauen, eine andere schaut uns immerzu an, ihr Blick spricht Bände, eine andere hat große Angst vor der Kamera. Wir erzählen ihr, dass die Kamera ihre Chance ist, ihre Chance ein Zuhause zu finden und es scheint, als würde sie darum kämpfen ihre Angst zu überwinden.
Es gibt Hunde, die schauen einen still an, andere fordern laut Zuwendung ein, andere haben Freundschaften gebildet und beobachten uns in Eintracht, andere betteln raus zu dürfen aus den Gehegen. Sie alle haben noch kein Zuhause, aber man spürt auf diesem Gelände, dass die Hunde sich respektvoll behandelt fühlen. Sie alle kommen aus Tötungsstationen, wurden ausgesetzt oder abgegeben. Warum? Weil ein Urlaub anstand, man einen anderen Hund wollte, der Welpe groß geworden war, ein Hund tierärztlich behandelt gehört hätte, etc.
Hier haben diese Hunde etwas Wichtiges wieder gefunden: Ihre Würde! Dies verdanken Sie Antje Perlwitz, Lucas und dem Tis-Team!
Trotz allem fehlt ihnen eine Familie und Augen, deren Blick ihnen sagt, „Du gehörst für immer zu mir“. Und jeder Hund, der auf dem Gelände von Tis auszieht, macht für einen anderen Hund in Not Platz.
Besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen Dorothee, sie warte schon so lange. Ich hab sie dort kennen gelernt, sie ist eine absolut freundlich Hündin, die Temperament hat und unglaublich lachen kann.
Ich denke, sie ist ein Hund der Menschen immer wieder erinnern wird, wie schön das Leben sein kann und welche Energie das Glück hat!
Würde Dorothee durch unsere Reise und eben diesen Bericht ein Zuhause finden, wäre es all´ die Strapazen mehr als wert gewesen.
Sie finden Dorothee auf der Homepage von Tis.
Dann war da noch Olga, die so sehnlich aus dem Gehege raus möchte. Sie sucht sportliche Leute, die viel mit ihr draußen sind, denn Olga möchte so gerne endlich rennen.
Aber auch die hübsche Darna soll eine Chance bekommen. Sie ist eine ca. 7 Jahre junge Setterhündin, die sich mit ihrer stillen, freundlichen Art ins Herz schmuggelt. Ganz behutsam hat sie sich angeschlichen, einfach ihren Kopf an uns geschmiegt und mit fragenden Augen darauf gewartet, dass wir ihr Zuwendung und vielleicht sogar das große Glück schenken.
Wenn Sie sich für die Hunde von Tis interessieren, schauen Sie bitte bei www.tiere-in-spanien.de rein.
Danach ging die Fahrt zurück. Ich fuhr mit Lucas weiter in eine Tötungsstation in der Nähe von Barcelona.
Ich ging an den Zwingern vorbei, mein Auftrag war alle Hunde zu fotografieren, die ich sehen durfte. Es waren sooo viele Hunde, so viele Hunde, die hier schnelle Chancen auf ein Zuhause hätten. Und der Blick dieser Hunde war ein komplettes Kontrastprogramm zu den Gesichtsausdrücken, die mir vorher auf dem Tis-Gelände aufgefallen waren. Die Hunde in der Tötungsstation waren verzweifelt. Manche versuchten sich nach vorne zu drängen, verzweifelt aufzufallen, der Blick sagte klar „Holst Du mich jetzt raus hier?“. Andere saßen still da, sie hatten den Glauben daran dort raus zu kommen längst verloren. Ich hoffe so sehr, dass sie alle rechtzeitig raus kommen und dann bald auf den vielen Tierschutzseiten, auch auf unserer, zur Vermittlung stehen werden.
Hinter den Zwingern, die wir sehen durften, hörten wir weitere Hunde. Aber dort durften wir nicht rein. Warum man diese Hunde nicht sehen darf, wissen wir nicht. Was mit diesen Hunden geschehen wird, wissen wir auch nicht. Ich hab diese Hunde gehört... nichts tun zu können, zerriss mir das Herz und zerreißt es mir auch jetzt noch.
Was niemand je verstehen kann: Die spanischen Tierschützerinnen sind auf die Kooperation der Besitzer der Tötungsstationen angewiesen. Denn sie dürfen die Tiere töten, sie haben keinerlei Verpflichtung die Hunde an Tierschutzorganisationen zu übergeben. Haben sie zu viel Ärger mit Tierschützerinnen ist es einfacher für sie die Tiere zu töten.
Das bedeutet für die Tierschützerinnen eine ständige Gradwanderung, ein Verbiegen, ein Aushalten, ein hohes Konfliktpotential aushalten zu müssen und vor allem diese unerträgliche Unlogik Tag für Tag ertragen zu müssen. Mein Respekt gilt den TierschützerInnen vor Ort, die die Ruhe bewahren und damit Tieren das Leben retten!
Dann kamen wir zu den Katzen. Ich weiß nicht, wie ich schreiben soll. Die erste Katze, die ich sah hatte ein ausgekugeltes Bein. Über die Schmerzen, die sie haben musste, kann ich gar nicht weiter nachdenken, da blockiert mein Vorstellungsvermögen.
Als Nächstes sah ich eine Katzenmami, deren Augen so entzündet waren, dass sie vereitert und blutunterlaufen hervor standen und sie sie nicht mehr schließen konnte. Ihre beiden ca. 3 Wochen alten Babys sahen ähnlich aus.
Lucas gab sie mir in die Hände um sie in die von uns mitgebrachten Transportboxen zu geben. Ich hatte sie kurz in den Händen, kurz ...aber lange genug Verbindung aufzubauen. Als ich sie ansah, sah wie elend sie dieses Leben auf einem kalten Zwingerboden einer spanischen Tötungsstation begann... welche Ungerechtigkeit hat die Seele dieser Lebewesen da auf sich genommen!
Wir packten 25 Katzen in Transportboxen und fuhren los. Fuhren los in das Tierheim ElMoli, das sich bereit erklärt hatte, diese Katzen für uns vorübergehend aufzunehmen, bis sie geimpft etc, sein werden, um vermittelt werden zu können.
Das Tierheim ElMoli ist ein kleines Tierheim. Die Helferinnen sind sehr an dem Wohl der Tiere interessiert, die Zimmer in denen die Katzen untergebracht sind, sind sehr liebevoll eingerichtet.
Wir brachten die Katzen in den Zimmern unter. Diejenigen, die sehr krank erschienen
wurden sofort in die Tierklinik transportiert.
Wir packen noch die mitgebrachten Sachspenden aus und damit geht ein langer und
bedrückender Tag vorüber.
Auffangstation:
Während Tina und Lucas die Fahrt in Richtung Tötungsstation angetreten haben, wurden Doris und ich von Antje in Empfang genommen.
Wir wollten gemeinsam in die Auffangstation fahren, in der unsere Hunde bis zur Ausreise nach Deutschland untergebracht und verpflegt werden.
Zwar hatte ich bereits viele Bilder von dieser Station gesehen und eine Menge Infos
bekommen, doch wenn man plötzlich so mittendrin steht, ist dies schon ein komisches
Gefühl.
Man sieht eine Zwingerreihe nach der anderen und hört unglaublich viel und lautes Gebell, so dass man sich zeitweise kaum verständigen kann.
Mit Antje sind wir erst mal im „Schnelldurchlauf“ an unseren Vierbeinern und denen der befreundeten Organisationen vorbei gesaust und haben grobe Infos zu den Hunden bekommen.
Nach dieser Führung haben Doris und ich begonnen jeden Zwinger einzeln zu besuchen und anhand unserer mitgebrachten Liste zu vergleichen, wer welcher Hund ist und zu wem er gehört. Manch einer denkt nun vielleicht, dass dies ja nicht so schwer sein kann. Man schaut einfach auf die Listen, guckt den Hund an und dann ist es eindeutig. Tja, weit gefehlt…
Wenn in den Zwingern mehrere Hunde in ungefähr gleicher Größe, Statur, Fellform und
Fellfarbe zu finden sind, dann kommt man schon ins Grübeln… Aber zum Glück hat Antje den Überblick und konnte uns alle Fragen beantworten.
Neben dem Identifizieren der Hunde stand für alle noch ein Fototermin auf dem Programm. Auch das ist nicht so einfach, denn mal abgesehen davon, dass es inzwischen fast finstere Nacht war und die Zwinger teilweise nicht beleuchtet sind, ist es auch gar nicht so einfach im Gewusel der vielen freundlichen Hunde einen raus zu picken und ihn davon zu überzeugen, dass er doch bitte kurz still hält und Richtung Kamera schaut…
Wir haben völlig die Zeit vergessen und erst hinterher gemerkt, dass wir nur in Aktion waren, so viele Hunde gesehen und fotografiert haben, doch für keinen richtig die Zeit blieb sich ausführlicher mit ihm zu beschäftigen.
Sobald man einen Zwinger betritt, sausen gleich alle Hunde freudestrahlend um einen
herum, alle wollen Streicheleinheiten und Aufmerksamkeiten und man ist bemüht, dies
möglichst auf alle gerecht zu verteilen. Es war ein schönes Gefühl zu sehen, dass diese Tiere endlich in Sicherheit sind und ihnen Niemand mehr etwas antun kann.
Auch die Hunde strahlen dieses Gefühl aus und man sieht in ihren Augen keine Panik.
Manche sind zwar unsicher, etwas verängstigt, doch in keinem Augenpaar ist blanke Angst ums Überleben zu sehen.
Doch trotzdem kann man das nicht mit einem richtigen Zuhause und Familienanschluss vergleichen. Denn auch wenn Antje und Lucas alles Menschenmögliche tun, um diese Tiere zu verpflegen, zu päppeln, tierärztlich versorgen zu lassen und ihnen Zuwendung schenken, reicht es bei weitem nicht aus eine Familie zu ersetzen.
Am Abend trafen wir uns noch mit Antje, Lucas und Monica zum Essen, lachen, Ratschen, Pläne schmieden...
Es war ein wunderschöner Abend, denn in all´ der Hektik in der jede versucht mit den wenigen Tagesstunden die viele Tierschutzarbeit zu bewältigen, bleibt kaum Zeit für entspannte Gespräche.
25.11.:
Am Morgen düsen wir wieder los. Doris, Nadine und ich fahren zu einer weiteren
Tötungsstation. Einer sehr großen Station…
Als wir dort ankommen und an den Zwingern vorbei gehen, stirbt jegliche Hoffnung in uns. Es sind so unglaublich viele Hunde und so viele große Hunde.
Viele Hunde sehen wir und wissen, dass sie kaum Chancen haben dort je wieder heil raus zu kommen. Es handelt sich um eine Tötungsstation, in der die Besitzerin nicht mehr töten lassen will.
Die Stadt kommt 20 Tage für die Kosten auf, danach ist Schluss und sie zahlt alles selbst. Nicht immer ist das möglich...
Dort sitzen Hunde aller Art. Kleine junge Hunde, alte Hunde, große nette Hunde, große alte Hunde, Hunde, die den Menschen nicht mehr vertrauen, kranke Hunde.
Ich kenne Hundegebell und ich kenne Hundegebrüll. Aber dort...ich habe nie zuvor Hunde so schreien hören – Schreie der Verzweiflung, die nicht enden wollten, die Hunde können die Enge in den Zwingern kaum mehr aushalten. Ein Hund sprang in seinem Zwinger hin und her, er sprang gegen die Wände, hörte in seiner Verzweiflung nicht auf. (Inzwischen zurück in Deutschland hab ich mich nochmals über den
Hund erkundigt und konnte die Informationen kaum fassen. Der Hund war dort nicht zum Töten untergebracht worden, sondern zur Urlaubspension, denn seine Besitzer gehen einmal jährlich für vier Wochen in Urlaub und geben ihn dann jedes Jahr dort ab! Was sind das für Hundebesitzer????).
Zwei Hunde nahmen wir sofort mit. Einer, wir haben ihn inzwischen Benjamin getauft, hat lauter offene Hautstellen, ein kleiner verfilzter Rüde.
Eine andere Hündin, Nena, hatte so viel Angst, dass sie nicht mal wagte aufrecht zu stehen. Diese beiden entschlossen wir uns, durften sofort mit uns raus.
Nebenan ist ein weiteres großes Gelände. Dort verdient sich Jemand sein Geld mit Hundezucht. Wie paradox, wo doch nur wenige Meter entfernt so viele Tiere um ein Zuhause betteln…
Man sieht viele verschiedene Rassehunde, die gerade in Mode sind. Wenn man jedoch glaubt, dass die Tiere besser untergebracht sind, als in der Tötung, der liegt völlig falsch. Wir waren vom Anblick der vielen abgemagerten, ausgemergelten, kranken und verletzten Körper und den unzähligen hilflosen Augen schockiert.
Zwar dürfen diese Hunde meist ein größeres Gehege ihr Eigen nennen, doch dort sind
weder Wasser, Futter, noch ein weiches Plätzchen zu sehen. Die Tiere stehen in ihren eigenen Exkrementen, sind größtenteils verängstigt und unterwürfig und ihre Blicke sprechen Bände…
Die Hündinnen sind vermutlich 365 Tage im Jahr trächtig, denn bei allen Welpen waren nur hochträchtige Hundemütter zu sehen.
Kennen Sie das Gefühl, wenn ein Hund mit panischem und flehendem Blick am Zaun hoch
klettert, er keinen Laut von sich gibt doch seine Augen schreien „nimm mich mit“, er seine Schnauze durch die Gitter steckt und ganz behutsam, aber entschlossen ihre Finger zu fassen kriegt und sich dann in den Pullover beißt, damit man ja nicht weg geht…?
Ich kannte dieses Gefühl bisher nicht und kann auch nicht wirklich in Worte fassen, wie abartig schlecht man sich fühlt, wenn man diesem Tier den Rücken zudrehen muss…
Auch hier verließen wir das Gelände mehr als bedrückt, kämpften gegen das Gefühl der Hoffnungslosigkeit an.
Nach diesem Ort fuhren wir direkt in die Auffangstation, um unsere reisefertigen Hunde mit nach Deutschland zu nehmen.
In der Auffangstation waren die Vorbereitungen schon in vollem Gange und wir halfen beim Fertigmachen der Hunde und Beladen des Autos.
Um 21 Uhr rollten wir von Gelände, ziemlich erledigt von all den Eindrücken, aber auch so unendlich glücklich, den Tierschützern und Tierschützerinnen vor Ort ein bisschen geholfen haben zu können bei ihrer Arbeit und einige Hunde- und Katzenaugen nun glücklich machen zu können.
26.11.:
Beim Rückweg durften wir zwei Hunde direkt ihren neuen Familien übergeben. Lester zog nach Hausach. Seine neue Familie war hin und weg von ihm und auch bei uns flossen ein paar verstohlene Tränen.
Kennt man die Hunde von den ersten Fotos aus der Tötungsstation, ist es ein bewegender Moment sie den neuen Familien in die Arme übergeben zu können.
Und auch Anton musste nicht in eine Pflegestelle, sondern wurde strahlend von seinen neuen Eltern in Empfang genommen.
Alle anderen wurden liebevoll von ihren Pflegeeltern begrüßt und warten nun sicher und geborgen auf Menschen, die sie adoptieren möchten, damit wir diese Pflegeplätze für die nächsten Hunde in Not wieder frei werden.
Ein herzliches Dankeschön an alle die diese Fahrt möglich machten, die beim Be- und
Entladen der Transporter geholfen haben, an die Firma CRAFT, die das Auto zur Verfügung gestellt hatte und an Nadine und Doris, die den Weg zusammen mit mir auf sich genommen haben.
Unser besonders Dankeschön gilt den spanischen TierschützerInnen Antje Perlwitz, Monica Planas und Lucas. Sie haben unermüdliche alle unsere Fragen beantwortet, uns einen Einblick in ihre Arbeit gegeben, sich bemüht zu organisieren, dass wir in der kurzen Zeit möglichst viele Eindrücke bekommen und haben uns mal wieder viel lernen lassen.
Über uns selbst, über unsere Arbeit, über die Tierschutzarbeit in Spanien und die Dinge, die im Leben wirklich wichtig sind!
Tina Hamp & Nadine Wilbert
